Deutsch-russische Geschichtswerkstatt
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Erinnerungsort Stalingrad in der russischen Geschichtswissenschaft Drucken
Geschrieben von: Ksenija Srednjak   

Wahrscheinlich stellen sich alle Leser und Leserinnen unweigerlich die Frage: Wie kann ein Mensch, der die bewusste Zeit seines Lebens in Wolgograd zugebracht hat, das gesamtrussländische Gedenken an die Schlacht von Stalingrad objektiv beurteilen? Die Frage ist berechtigt, denn die Vorstellungen von Wolgogradern über Stalingrad weichen beträchtlich von jenen anderer Russen ab.

Ich wundere mich heute nicht mehr, dass die meisten meiner Altersgenossen (18 bis 25 Jahre), die in verschiedenen Regionen des unermesslichen Russlands leben, in Verlegenheit geraten, wenn es um die Schlacht von Stalingrad geht: Ja, in der Schule haben wir die Schlacht durchgenommen, aber wann und was das genau war, erinnere ich nicht. Über diese Tendenz sprach ungeachtet des Titels seines Beitrags „Wir erinnern dich, Stalingrad, und deine Helden vergessen wir nicht“1 auch der Berater des Gouverneurs der Region Kurgan, W. Usmanow, der sich einige Jahre lang mit dem Problem der Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg unter Jugendlichen beschäftigt hat.

„Eure Heldentat bewahren wir für immer in unserem Gedächtnis“

Die Situation in Wolgograd ist grundsätzlich anders. Außer den wichtigsten Symbolen – Mamajew Kurgan und das Panorama-Museum „Die Schlacht von Stalingrad“, die Stalingrad als Erinnerungsort kennzeichnen – begleiten uns Namen von Straßen, Haltestellen, Plätzen, die mit der Kriegsvergangenheit der Stadt zusammenhängen. Im Stadtzentrum sieht man an fast jedem Haus eine Gedenktafel, auf der die Erinnerung an die Schlacht oder an einzelne seiner Teilnehmer verewigt ist. Jeder Stadtteil hat seinen Panzer oder seine Kreuzung mit einem T-34, ein Massengrab oder ein Denkmal zu Ehren der gefallenen Soldaten. Auf meinem Nachhauseweg steige ich zum Beispiel aus dem Trolejbus mit der Aufschrift „65 Jahre Sieg in der Schlacht von Stalingrad“ aus, überquere die Allee mit den Porträts von Veteranen der Schlacht und trete zuletzt in meinen Hauseingang, ich gehe die paar Stufen zu den Briefkästen hoch und mein Blick fällt auf diesen Flyer:... und ewig grüßt der Krieg!

Wie ihr seht: In Wolgograd ist es schwer, sich nicht zu erinnern, in manchen Fällen sogar unmöglich. Und dennoch: Was erinnern wir und wie? Finden sich die gesamtrussländischen Tendenzen der Kriegswahrnehmung und einzelner seiner Ereignisse auch im Gedächtnis der Wolgograder Bevölkerung, vor allem der jungen Generation? Wie gelingt es den Menschen bei einer solchen Dichte von persönlichen Erinnerungen, die auf die Ereignisse von 1942–43 verweisen, zu vergessen? Diese Fragen sind zentral in meinem Artikel, in dem ich meine Innensicht als Bewohnerin dieser Symbol-Stadt, dieser Erinnerungs-Stadt darlege.

Gedenken als Brücke zwischen der Gesellschaft und ihrer Geschichte

Bei der Betrachtung der schwierigen und in vielerlei Hinsicht streitbaren Fragen, die mit der Erinnerungskultur zur Schlacht von Stalingrad zusammenhängen, muss man berücksichtigen, dass die Erforschung von Gedächtnis/Erinnerung als Phänomen in der russländischen Wissenschaft in den Anfängen steckt. Einerseits beschäftigen sich damit viele Zweige der Geistes- und Sozialwissenschaften, unter anderem die Philosophie, Soziologie, Geschichte, Kulturologie, und andererseits – nicht eine einzige Wissenschaft übernimmt die Verantwortung für die genaue inhaltliche Definierung des Begriffs. Deswegen werde ich mich bei meinem Klärungsversuch, was Gedächtnis bedeutet und welche Beziehungen es zur Geschichte hat, der Arbeiten einiger bekannter Soziologen und Kulturologen bedienen, unabhängig davon, aus welchem Land sie kommen.

Für den Anfang ist wichtig zu klären, welche Formen von Gedächtnis es gibt. Kein Zweifel besteht bezüglich des individuellen und kollektiven Gedächtnisses. Nach Meinung des Kulturhistorikers Ju. Lotman stellt das kollektive Gedächtnis nichts anderes als den „überindividuellen Mechanismus zum Schutz und zur Weitergabe einiger Mitteilungen“2 dar. Dabei schließt es nicht automatischdie individuellen Formen mit ein: Es geschieht eine gegenseitige Durchdringung, aber keine Vermischung. Dies erlaubte dem Forscher die Schlussfolgerungen zu ziehen, dass eine Einheit im gesellschaftlichen Gedächtnis nur gewissermaßenherrscht und dass es private„Dialekte des Gedächtnisses“ gibt entsprechend der inneren Organisation des Kollektivs3. Ein ähnlicher Gedanke taucht beim französischen Soziologen M. Halbwachs auf: Jedes beliebige für die Gesellschaft wichtige Ereignis zerfällt bei genauerer Betrachtung in eine „Serie von Bildern, die durch das individuelle Bewusstsein gegangen sind.“4

In welcher Situation befinden sich jene, die nicht unmittelbar Zeugen der Ereignisse waren, zum Beispiel wir, die Enkel und Urenkel der Kriegsteilnehmer, die wir keine persönlichen Erinnerungen an den Krieg haben? Die Antwort ist einfach: es geht eine Gedächtnisentlehnung vonstatten. Um die historische Wirklichkeit zu streifen, verlassen wir das Spektrum der persönlichen Erfahrung und eignen uns die Perspektive des Kollektivs an. Dabei formieren sich unsere Vorstellungen auf der Grundlage verschiedener Transformationskanäle. Im Falle der Schlacht von Stalingrad sind die wichtigsten die Gesellschaft und die Familie, in geringerem Maße die historischen Quellen. So gesehen hat die Geschichte als solche eine durchaus indirekte, mittelbare Beziehung zu unserem Gedächtnis. In diesem Zusammenhang ist dem Standpunkt des bereits erwähnten M. Halbwachs zuzustimmen: „Die Erinnerung ist in durchaus bedeutendem Ausmaß eine Rekonstruktion der Vergangenheit unter Zuhilfenahme von Fakten, die wir aus der Gegenwart erhalten, und die außerdem aufbereitet ist durch vorangegangene Rekonstruktionen, die bereits stark das vorherige Bild verändert haben.“5 Mit anderen Worten, unser Gedächtnis über die Schlacht von Stalingrad ist die Erinnerung an fremde, bereits bearbeitete Erinnerungen.

Angesichts dieser Annahmen darf nicht vergessen werden, dass das menschliche Gedächtnis selektiv ist – dies ist nicht nur dem individuellen, sondern auch dem kollektiven Gedächtnis zu Eigen. Wir erinnern das, was für unser modernes Leben wichtig ist, was uns ermöglicht, eine Brücke aus dem vergangenen Gestern in das beunruhigende Heute zu bauen. Nicht zufällig merkt H. Welzer bei seiner Unterscheidung von Geschichte und Gedächtnis an, dass Letzteres „identitätskonkret“ sei6, das heißt dazu bestimmt sei, den Standpunkt des Menschen, der sozialen Gruppe oder Nation in der modernen Welt zu bestimmen. Entsprechend findet die Auswahl von Ereignissen aus der Vergangenheit im individuellen wie im kollektiven Gedächtnis von der heutigen Position, ausgehend von ihren Nachfragen und Bedarfen statt. Von dort stammen auch die Mythen, die jedes wichtige historische Ereignis umringen: Für die Geschichte sind Mythen Feinde, für das Gedächtnis sind sie notwendige Ergänzungen. In diesem Zusammenhang ist die Bemerkung von M. Ferretti bedeutsam, dass, sollte man sich allein auf das Gedächtnis stützen, die Sowjetunion und Westeuropa zwei unterschiedliche Kriege geführt haben 7.

Das Gedenken an Stalingrad als Teil der Erinnerung an den Krieg in Russland

Als ich die Literatur zum Thema durchgeschaut habe, entdeckte ich ein Paradox: Über das deutsche Gedenken an den Krieg ist viel mehr geschrieben worden als über das russische. Dabei haben viele, darunter auch russische Forscher es vorgezogen, die Wellen des Gedenkens in der BRD zu analysieren, während die Erforschung der Entwicklung des Gedenkens in der UdSSR und Russland sich im Aufbau befindet und praktisch nicht erforscht ist. Die Voraussetzungen für die Aneignung des Themas waren in den 90er Jahren die Enttabuisierung einiger Themen, der faktische Verlust einer monolithischen Wahrheit über den Krieg und schließlich die stark revisionistische Stimmung, die sich im Versuch sichtbar machte, ein Gleichheitszeichen zwischen Sozialismus und Faschismus zu setzen (das Buch von W. Suworow). Unter diesen Bedingungen wurde klar, dass Gedächtnis ein eigener Forschungsgegenstand ist: Es verändert sich nicht nur in der Zeit; unterschiedliche soziale und nationale Gruppen, Generationen von Kriegsteilnehmern, ihre Kinder und Enkel haben ihre eigenen, durchaus nicht miteinander identische Vorstellungen über den Krieg.

Eine besondere Zäsur stellt auf diesem Weg die Konferenz „Krieg. Ein anderes Gedächtnis“ dar, die von der internationalen Organisation Memorial und der Heinrich-Böll-Stiftung unmittelbar vor dem 60. Jahrestag des Endes des 2. Weltkriegs organisiert wurde sowie die Publikation aus dem Jahre 2005 „Erinnerung an den Krieg 60 Jahre danach. Russland, Deutschland, Europa“8 mit Artikeln und Referaten von Vertretern der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zum Thema „Gedächtnis“; außerdem die Ausstellung von Peter Jahn „Stalingrad erinnern“.

Wichtig für die Begründung der zentralen Tendenzen in der Entwicklung des Verständnisses von Krieg in der russischen Gesellschaft sind die Artikel von B. Dubin9, L. Gudkow10, M. Ferretti11, J. Hösler12 und I. Schtscherbakowa. Die Schlacht von Stalingrad erscheint in diesem Zusammenhang als untrennbarer Teil der zu erforschenden historischen Schicht, jedoch ist sie in den Erzählstoff eingewebt und wird nicht als besonderes Gedächtniselement untersucht. Das Ereignis hatte mehr Glück auf regionaler Bühne. Seit 2001 gibt es in der Staatlichen Universität Wolgograd das Zentrum für deutsche Geschichtsforschung. Im Jahre 2003 wurde eine internationale wissenschaftliche Konferenz unter dem Titel „Stalingrad: Was Russen und Deutsche in 60 Jahren gelernt haben“ durchgeführt. Praktisch durchzog alle Beiträge wie ein roter Faden das Problem des Gedenkens an Stalingrad in Russland und Deutschland. Der historiographische Überblick, den A. Borosnjak13 und N. Waschkau14 gaben, zeigte, wie die allgemeinen Tendenzen in der Forschung über den Krieg sich mit jenen bei der Erforschung der Schlacht an der Wolga decken. So verfolgt A. Borosnjak bei seinem Versuch, die wichtigsten Perioden der russischen Geschichtswissenschaft zu charakterisieren, die Entwicklung des Bildes Stalingrads von „groß und heldenhaft“15 (sowjetische Zeit) zu „groß und tragisch“16 (zeitgenössische Geschichtswissenschaft). Die letztere Einschätzung wurden dank verschiedener Entwicklungen möglich: Zum einen wurde das Verbot gelockert, Angaben über die Verluste an sowjetischen Soldaten in der Schlacht von Stalingrad zu machen, die nach unvollständigen Angaben aus dem Jahre 1993 1.129.619 Menschen betrugen, unter ihnen „unwiederbringlich“– 478741 Menschen17; außerdem wurde begonnen, das Schicksal von Frauen, Kindern und alten Menschen in Stalingrad zu erforschen18, sowie die Verluste unter der Zivilbevölkerung19; die menschliche Dimension der Krieges trat in Erscheinung. Zugleich verdrängt das Attribut „tragisch“ sogar in der Geschichtswissenschaft – ganz zu schweigen vom historischen Bewusstsein der Massen – das Attribut „heroisch“. Fragen, wie die erfolglose Evakuierung der Zivilbevölkerung Stalingrads, die sowjetischen Kriegsgefangenenlager in besetzten Gebieten, die Vertreibung der Zivilbevölkerung aus Stalingrad nach Deutschland, Kinder aus Stalingrad und andere Themen sind noch wenig erforscht20. Mehr als das, nach Meinung des Generals a.D. O. Kudrjaschow haben die Versuche nicht aufgehört, „die Schlacht von Stalingrad zu kanonisieren“21, wie das auch mit der gesamten Geschichte des Krieges im Allgemeinen geschieht.

Wie erinnern wir – oder Stalingrad in Wolgograd

In der letzten Zeit wird immer lauter und hysterischer über das schwache Stalingrad- und Kriegsgedächtnis von Jugendlichen geklagt. Jugendliche werden als „Risikogruppe“ betrachtet, denn unter ihnen, so die weitverbreitete Meinung, verlieren sich die herkömmlichen Konstanten. In einem Vortrag auf einer Konferenz zum 65. Jahrestag des Endes der Schlacht von Stalingrad sprach W. Usmanow, der sich der Frage des Gedächtnisses von Jugendlichen widmete, mit viel Entrüstung über eine „Periode der Unstimmigkeit und des Zauderns, da sich die einen für Buddhismus begeistern, die anderen trinken“22. In dieser Krisenzeit müsse die Erinnerung an den Krieg und an seine wichtigste Schlacht, die jene von Stalingrad war, „zum bekräftigenden Zement der russischen Gesellschaft werden.“23

Ist jedoch wirklich alles so düster und hoffnungslos? Und sehen wir das Problem da, wo es wirklich ist? Eingangs habe ich bereits angemerkt, dass Erinnerung ein Konstrukt von vorherrschenden Vorstellungen ist, ergänzt um das Wissen, das wir in der Gegenwart dazugewinnen. Stellen wir uns einen gewöhnlichen Wolgograder Schüler vor. Seine Erinnerung an Stalingrad stellt eine bizarre Synthese dar aus im Geschichtsunterricht Erzähltem, aus im Panorama-Museum „Die Schlacht von Stalingrad“ Gesehenem, von Großeltern Gehörtem; da ist das Computerspiel „Stalingrad“, das Bild vom Krieg aus Spielfilmen, da ist die Kriegstechnik, die im Stadtzentrum ausgestellt ist und auf dem er in seiner Kindheit begeistert rumkletterte, und zu guter Letzt sind da Souvenirs mit der Abbildung der „Mutter Heimat“, die er seinen Freunden aus anderen Städten mitbringt, die jedoch in seinem eigenen Zimmer nicht auftauchen. Doch welchen persönlichen Gedanken macht sein Verständnis von „Stalingrad“ aus? Welche Erinnerung ruft dieser Ort bei ihm hervor? Was assoziiert er damit? Um nicht den Beweis schuldig zu bleiben und in Verallgemeinerungen abzurutschen, gebe ich ein paar Daten einer Umfrage wieder, die wir unter älteren Schülern der Schule № 93 in Wolgograd am 14. März 2008 durchgeführt haben. Nachdem die Mitglieder unserer Geschichtswerkstatt gemeinsam mit den Schülern an diesem Tag den Film „Wir aus der Zukunft“ gesehen hatten, erörterten wir das Problem des deutschen und russischen Gedenkens an den zweiten Weltkrieg. Vor der Diskussion führten wir eine kurze Umfrage durch: Was bedeutet Stalingrad für euch? Die Umfrage ist natürlich nicht repräsentativ, da nur 25 Schüler und Schülerinnen befragt wurden. Zugleich spiegeln meiner Meinung nach die Antworten jene Tendenzen wider, die typisch für das Bewusstsein von Jugendlichen in Wolgograd sind. So wird Stalingrad wahrgenommen als:

  • Schlacht mit historischer Bedeutung: eine Zäsur im Zweiten Weltkrieg und Großen Vaterländischen Krieg; Krieg; Sieg; Geschichte; ein Teil der allgemeinen Geschichte; ein großer Sieg des russischen Volks; die Schlacht von Stalingrad; die Festnahme von Paulus; die Stadt, die Millionen von Menschen Hoffnung gegeben hat.
  • Heldentum und Patriotismus: eine große Heldentat; Mut, der niemals vergessen werden darf; das, was den Patriotismus in unseren Herzen verankert; Mut; Edelmut; Ehre; Heldentum; der Ort, in dem jeder Soldat und Bewohner ein Patriot war; Symbol des russischen Patriotismus.
  • die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten: Heldenstadt; Mamajew Kurgan; die „Mutter-Heimat“; eine schöne, standhafte, mutige Stadt; die Stadt als ehemaliger Soldat; Heimatstadt; meine Lieblingsstadt; die Stadt, in der ich lebe; die weltbekannte Stadt.
  • emotionale Wahrnehmung der Nachkommen:Stolz; grenzenlose Dankbarkeit gegenüber den Kriegshelden; das, was aus der Geschichte nicht auszuradieren ist; meine Vergangenheit; das Generationengedächtnis; ein das Gehör streichelndes Wort, das niemals aus meinem Gedächtnis wegzuwischen ist;ihr bin ich mein Leben lang verpflichtet; ewiges Gedenken.
  • eine Tragödie:Schmerz; Schrecken; Blut; Angst; verlorene Leben; umgekommene jungen Menschen; Opfertod (Tod im Namen des Lebens);
  • Erinnerungsort:eine Ort mit starken emotionalen Polen; eine Stadt als Denkmal; Symbol; ein Ort der Reflexion.
Wie wir den Antworten der Schüler und Schülerinnen entnehmen, ist ihr Gedenken der Nachhall fremder Gedanken, die sie entsprechend ihrer aktuellen Bedürfnisse überarbeitet haben. Wir treffen verdeckte Zitate aus Schulbüchern an, diesen bestimmten Pathos, der für das offizielle Gedächtnis typisch ist, ebenso Versuche, eine Identität im Jetzt durch das Verstehen des Gestern zu finden. Letzteres zeigt sich daran, dass die Stadt mal als Stalingrad, mal als Wolgograd bezeichnet wird: Ein Teil der Schüler unterstreicht ihre Herkunft aus Stalingrad, obwohl das aus biographischer Sicht nicht richtig ist. Teilweise ist dieser Umgang von der Tradition und/oder vom Bedürfnis diktiert, stolz auf seine Stadt zu sein, das eigene Beteiligtsein an der großen Vergangenheit zu sehen. Verwunderlich ist, dass in den Antworten kein biographischer Bezug zwischen der Schlacht und der Familiengeschichte reflektiert wird. Gleichzeitig ist die in der russischen Geschichtswissenschaft in letzter Zeit zu beobachtende Verschiebung des Stalingradbildes zu „groß und tragisch“ typisch auch für das Gedächtnis von Jugendlichen: „Schmerzen“ sind gleichbedeutend oder haben den gleichen Erinnerungsrang wie „Heldentaten“.

Das moderne Gedenken an die Schlacht von Stalingrad durch junge Menschen hat die Erfahrungen der Vorgängergenerationen in sich aufgenommen. Doch das Ergebnis ist nicht nur ihre Summe, sondern ein qualitativ neuwertiges Gebilde, das aus dem traditionellen „Helden-“material besteht, aus der erst unlängst entwickelten Wahrnehmung als Tragödie sowie einem bedeutenden Anteil Vergessen, das untrennbar zu jedem Erinnern dazugehört. Was aus diesem riesigen „Schmelztiegel“ wird, ist einstweilen schwer zu sagen.

Flüchtige Anmerkungen über die Feierlichkeiten zum 65. Jahrestag der Zerschlagung der deutschen faschistischen Truppen bei Stalingrad

Da ich nicht nur vom Hörensagen weiß, wie Jubiläen in Russland begangen werden, hatte ich keine wesentlichen Enthüllungen angesichts dieses Ereignisses erwartet. Es gab sie auch nicht. Ich entdeckte viele Parallelen zu den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Endes des Großen Vaterländischen Krieges: das gleiche Szenario, allerdings auf regionalem Niveau. Die Parade auf dem Platz der „Gefallenen Kämpfer“, die offiziellen Standardreden und die Niederlegung von Kränzen am Ewigen Feuer, die Wiederkehr der Aufschrift in öffentlichen Verkehrsmitteln und Straßenbanner „65 Jahre Großer Sieg in der Schlacht von Stalingrad“, die Ansprachen in den Medien mit den Erinnerungen der Veteranen. Wie auch 2005 galt die Aufmerksamkeit nicht dem Krieg, sondern dem Sieg. Entsprechend vieler Parameter lässt sich sagen, dass sich in der offiziellen Gedächtniskultur grundlegende Züge der sowjetischen Zeit und ihr „triumphaler“ Standpunkt erhalten haben.

Jedoch ist das nur das eine Ende einer langen Kette. Betrachten wir, was sich auf der akademischen Bühne tut. Wie immer in Jubiläumsjahren wurden in Wolgograds Universitäten der Stadt einige Konferenzen organisiert, die sich den Problemen der Forschung zur Schlacht von Stalingrad widmeten. Die Themen in der Wolgograder Staatlichen Universität waren die kriegswirtschaftlichen und sozialpolitischen Aspekte der Schlacht von Stalingrad, im Museumskomplex „Schlacht von Stalingrad“ – die Kriegshandlungen der Truppen; in der Wolgograder Pädagogischen Universität – die geistig-moralischen und soziokulturellen Grundlagen des Sieges an der Wolga (praktisch: die patriotische Erziehung der Jugend); in der Wolgograder Technischen Universität – die Schlacht von Stalingrad und ihre Rolle in der Entwicklung des soziokulturellen Raums der Region; in der Wolgograder Medizinischen Universität – die Rolle des medizinischen Personals in der Schlacht von Stalingrad; in der Wolgograder Akademie des Staatsdienstes – das historische Gedächtnis und die Schlacht von Stalingrad in den modernen Kommunikationstechnologien (die einzige Veranstaltung unter Mitwirkung ausländischer Forscher). Als eine der Teilnehmenden der Konferenz der Wolgograder Staatlichen Universität kann ich sagen, dass alle Referate dem Beitrag ul. Prowsojusnajader einen oder anderen Region oder einer ehemals sowjetischen Republik zum Sieg bei Stalingrad24 gewidmet waren.Außerdem zeichneten sich die Beiträge durch ein hohes Maß an Emotionalität und eine entsprechende Rhetorik aus.

Die nächste Stufe, auf der ich kurz innehalten möchte, sind die Wolgograder Schulen. In allen fanden Veranstaltungen statt, die dem Gedenken an den Jahrestag gewidmet waren: das waren Konzerte, auf die Veteranen eingeladen waren, Ausstellungen mit von Kindern gemalten Bildern, Schreiben von Essays und wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema „Die Schlacht von Stalingrad in der Familiengeschichte“. Die Realschule Nr. 93 veranstaltete einen literarischen und musikalischen Salon zum Thema „Die Schlacht von Stalingrad in den Gedichten Wolgograder Poeten“. Wie ich in einem Videomitschnitt dieser Veranstaltung bemerken konnte, weinten am Ende einige Schüler und Lehrer.

Im alltäglichen Leben der Wolgograder und der Russen fand das Jubiläum jedoch keinerlei Widerhall – sieht man mal davon ab, dass einige Bewohner anderer Städte ihre Wolgograder Freunde oder Verwandte zum Jubiläum beglückwünschten, nachdem sie auf den Hauptfernsehkanälen den einen oder anderen Stalingrad-Film gesehen hatten. Solch unerwartete und in mancher Hinsicht komische SMS-Mitteilungen á la „Gratuliere zum Tag des Großen Sieges bei Stalingrad“ oder „Zum 65-jährigen Jubiläum der Schlacht von Stalingrad“ habe nicht nur ich erhalten, sondern auch einige meiner Bekannten.

Ein Fazit aus dem oben Gesagten ziehend, möchte ich noch einmal zu den Zeilen von M. Halbwachs zurückkommen, dass Geschichte meist dann beginnt, wenn das Gedächtnis nachlässt25. Ungeachtet der oberflächlichen Beibehaltung des traditionellen Gedenkens über Stalingrad, verliert es seinen anfänglichen Sinn im Zusammenhang mit der zunehmenden Entfernung von den individuellen Erinnerungen; es wird zunehmend zum Ritual. Jetzt wird diese Form entweder mit neuem Inhalt gefüllt, der den Anforderungen des Staates und der Gesellschaft heute entsprechen, oder … es ist Zeit, Geschichte zu schreiben.

Fußnoten

1)   Referat von W. Usmanow auf der Konferenz „Сталинградскаябитва: военно-экономическиеисоциально-политическиеаспекты“ [„Die Schlacht von Stalingrad: kriegsökonomische und sozial-politische Aspekte“], Wolgograd, 1.2.2008. zurück
2)   Лотман Ю.М. Память в культурологическом освещении // Лотман Ю.М. Избранные статьи. Т.1. Таллинн, 1992. С.200. [Lotman, Jurij M.: Das Gedächtnis in kulturtypologischer Sicht. In: Ders.: Gesammelte Aufsätze, Bd. 1, Tallinn, 1992, S.200]. zurück
3)   Ebd., S.201. zurück
4)   Хальбвакс М. Коллективная и историческая память // Память о войне 60 лет спустя: Россия, Германия, Европа. М., 2005. С.23. [Halbwachs, Maurice: Kollektives und historisches Gedächtnis. In: Die Erinnerung an den Krieg 60 Jahre danach. Russland, Deutschland, Europa. Moskau, 2005, S.23]. zurück
5)   Ebd., S.33. zurück
6)   Вельцер Х. История, память и современность прошлого // Там же., С.60. [Welzer, Harald: Geschichte, Gedächtnis und die Gegenwart der Vergangenheit. In: Ebd., S.60]. zurück
7)   Ферретти М. Непримиримая память: Россия и война // Там же., С.138. [Ferretti, Maria: Unversöhnliche Erinnerung. Russland und der Krieg. In: Ebd., S.138]. zurück
8)   Die Publikation erschien als Sonderband der Zeitschrift „Неприкосновенный запас“ [Eiserne Ration] (2-3 [40-41]/2005) zusammen mit einem Band der Zeitschrift „Osteuropa“ (4-6/2005). Die deutsche Veröffentlichung wurde unter dem Titel „Kluften der Erinnerung. Rußland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg“ herausgegeben. zurück
9)   Дубин Б. Память о войне против памяти о победе // Материалы конференции „Война. Другаяпамять“. [Dubin, Boris: Das Gedenken an den Krieg vs. das Gedenken an den Sieg. In: Materialien zur Konferenz „Krieg. Das andere Gedächtnis.“] (Online: http://www.memo.ru/daytoday/conf2005/titul.htm). zurück
10)   Гудков Л. „Память“ о войне и массовая идентичность россиян // Память о войне 60 лет спустя: Россия, Германия, Европа. М., 2005. C.83–103. [Gudkov, Lev: Die „Erinnerung“ an den Krieg und die Massenidentität der Russen. In: Die Erinnerung an den Krieg 60 Jahre danach. Russland, Deutschland, Europa. Moskau, 2005, S.83–103]. zurück
11)   Ферретти М. Непримиримая память: Россия и война // Там же., C.135–146. [Ferretti, Maria: Unversöhnliche Erinnerung. Russland und der Krieg. In: Ebd., S.135–146]. zurück
12)   Хёслер И. Что значит „проработка прошлого“? // Там же., C.156–169. [Hösler, Joachim: Was heißt „Aufarbeitung der Vergangenheit“? In: Ebd., S.156-169]. zurück
13)   Борозняк А.И. Пробематика битвы на Волге в отечественной исторической науке 40-90-х гг. // Труды Волгоградского центра германских исторических исследований. Вып. 2: Сталинград: чему русские и немцы научились за 60 лет. Волгоград, 2003. C.15–23. [Borosnjak, A.I.: Die Problematik Schlacht an der Wolga in der russischen Geschichtswissenschaft der 40er bis 90er Jahre. In: Arbeiten des Wolgograder Zentrums für deutsche Geschichtsforschung, Bd. 2, Wolograd, 2003, S.15–23]. zurück
14)   Вашкау Н.Э. История Сталинградского сражения в публикациях волгоградских исследователей // Там же., C.24–31. [Waschkau, N.E.: Die Geschichte der Stalingrader Schlacht in den Veröffentlichungen wolgograder Wissenschaftler. In: Ebd., S.24–31]. zurück
15)   Борозняк А.И. Указ. соч., С.15. [Borosnjak, A.I.: a.a.O., S.15]. zurück
16)   Ebd., S.19. zurück
17)   Гриф секретности снят. Потери Вооруженных сил СССР в войнах, боевых действиях и военных конфликтах: Статистическое исследование. М., 1993. С.179–182. [Den Stempel der Geheimhaltung aufheben. Die Verluste der sowjetischen Streitkräfte in Kriegen, Kampfhandlungen und kriegerischen Auseinandersetzungen. Eine statistische Studie. Moskau, 1993, S.179–182]. zurück
18)   Юдина Т.В. Гражданское население Сталинграда в битве на Волге // Труды Волгоградского центра германских исторических исследований. Вып. 2: Сталинград: чему русские и немцы научились за 60 лет. Волгоград, 2003. C.101–105. [Judina, T.W.: Die Zivilbevölkerung Stalingrads in der Schlacht an der Wolga. In: Arbeiten des Wolgograder Zentrums für deutsche Geschichtsforschung, Bd. 2, Wolograd, 2003, S.101–105]. zurück
19)   Кузнецова Н.В. Изменения в численности населения Сталинграда в 1943-1953 гг. // Там же., С.106–110. [Kusnezowa, N.W.: Die Veränderungen der Bevölkerungszahlen Stalingrads in den Jahren 1943–53. In: Ebd., S.106–110]. zurück
20)   Вашкау Н.Э. Указ. соч., С.30. [Waschkau, N.E.: a.a.O., S.30]. zurück
21)   Сталинградская битва: Материалы научных конференций, прошедших в Москве и Волгограде к 50-летию сражения. Волгоград, 1994. С.41. [Die Stalingrader Schlacht. Materialien einer wissenschaftlichen Konferenz in Moskau und Wolgograd anlässlich des 50. Jahrestags der Schlacht. Wolgograd, 1994, S.41]. zurück
22)   Referat von W. Usmanow auf der Konferenz „Сталинградскаябитва: военно-экономическиеисоциально-политическиеаспекты“ [„Die Schlacht von Stalingrad: kriegsökonomische und sozial-politische Aspekte“], Wolgograd, 1.2.2008. zurück
23)   Ebd. zurück
24)   Аннаоразов Ж. „Бессмертные имена Великой Победы (о вкладе туркменистанцев в Великую Победу под Сталинградом)“; Демчук А. „Оренбуржцы – участники Сталинградской битвы“; Аквердиев Э. „Воины-дагестанцы в боях за Сталинград“;  Аюпов Р. „Вклад БАССР в разгром немецко-фашистских захватчиков в годы Великой Отечественной войны 1941-1945 гг.“; Боть В. „Роль Тулы и туляков в обороне Сталинграда“; Елисеев В. „Единство народов СССР в Сталинградской битве“ и др. [Annaorasov, Sh.: „Unsterbliche Namen des Großen Sieges (über den Beitrag der Turkmenen am Großen Sieg in Stalingrad)“; Demtschuk, A.: „Orenburger – Teilnehmer der Stalingrader Schlacht“; Akwerdijew, E.: „Kämpfende Dagestaner in den Gefechten um Stalingrad“; Ajupow, R.: „Der Beitrag der BASSR bei der Vernichtung der deutsch-faschistischen Eindringlinge in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges 1941–45“; Bot, W.: „Die Rolle der Tuler und Tuljaken bei der Verteidigung Stalingrads“; Elisejew, W.: „Die Einigkeit der sowjetischen Völker in der Stalingrader Schlacht“ und andere]. zurück
25)   Хальбвакс М. Указ. соч., С.42. [Halbwachs, Maurice: a.a.O., S.42]. zurück
 
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