Erikas Bericht Drucken
Geschrieben von: Rebekka Blume   

Ein grauer Nachmittag im Januar auf einem sachsenanhaltischen Dorf. Ich öffne die grüne Pforte im großen Hoftor meiner Großtante Erika*. Auf dem Weg über das Kopfsteinpflaster ihres Hofes zu der ausgetretenen Steinstiege vor der Haustür stiebt eine Meute magerer Katzen vor meinen Füßen auseinander. Durch die alten doppelten Fensterrahmen des kleinen Fensters hört man leise Fernsehgeräusche. Ich klingele und höre Erikas Schritte zur Tür kommen.

Sie macht Kaffee und ich trete in ihr Wohnzimmer, aus dem mir Kachelofenwärme entgegenschlägt. Auf dem Tisch liegen eine Leselupe, Zeitungsartikel und die Fernbedienung. Von den Wänden schauen mich verschiedene Fotografien an. Dort sind meine Großmutter und Erika im Partnerlook abgebildet. Sie sind noch jung und tragen beide hellblonde dicke Zöpfe und lächeln schräg in die Kamera. Außerdem hängen dort verschiedene Schwarzweißfotografien aus den vierziger Jahren und ein paar Landschaftsgemälde, eine erste Locke von Erikas Kopf. Mein Urgroßvater auf dem Foto neben dem Fenster trägt ein Tweedjackett, meine Urgroßmutter schaut den Besucher leicht lächelnd von der Wand an. Im Glasschrank stehen verschiedene alte Bücher. Diese kleine Ausstellung zur Familiengeschichte wird von einer Ansammlung moderner Dinge und Gesundheitsgeräte ergänzt. Neben einem relativ großen Fernseher gehören die elektronische Wärme- und Heizmatte für den Lehnstuhl und der seltsam aussehende Schreibtischstuhl, der aus einer großen Feder und einer ballförmigen Sitzfläche besteht, dazu.

Erika kommt mit dem Kaffeegeschirr herein, ich baue die Kamera auf. Erika nimmt vor den Fotos von ihr und ihrer Schwester in Jugendjahren Platz. Sie wurden wahrscheinlich zu Zeiten des Kriegs aufgenommen. Erika ist auf dem Foto etwa sechzehn Jahre alt. Sie leitet ihre Erzählung für die Kamera ein und erklärt, warum sie heute etwas von Hermann Schmidt* erzählen möchte. Wir hatten uns abgesprochen, dass sie sich mit ihrem Freund unterhalten und mir dann davon berichten solle. Ich wollte ihn nicht selbst fragen, weil ich ihn nicht kenne und Zweifel hatte, ob er mir etwas über seine Erinnerungen erzählen würde.

Erika erzählt, dass Schmidt drei Jahre lang in Russland gekämpft habe. Er sei aus Stalingrad nur herausgekommen, weil er verwundet wurde. Erika betont, es sei eine innere Verwundung gewesen, sie weiß nichts Genaueres darüber. Innere Verwundung. Sie wiederholt es ein paar Mal, fast als hätte das eine symbolische Aussage. Aber leider endet damit die Erzählung schon. Hermann Schmidt habe ihr gesagt, dass er nicht über seine Erinnerungen sprechen wolle, es gebe doch genug Bücher darüber. Das Einzige, was er noch gesagt habe, sei, dass es der Bevölkerung in Stalingrad viel schlimmer ergangen sei als den Soldaten. Er selbst sei nach seiner Genesung nach Italien gekommen. Nach Kriegsende ist Schmidt zu Fuß über die Alpen zurück nach Deutschland gekommen. Erika ist beeindruckt.

Schmidt möchte nicht über seine Erlebnisse sprechen. Das ist verständlich. Seine Erinnerungen schmerzen sicherlich. Aber dennoch ist Erzählung nicht dasselbe, wie etwas in einem Buch nachzulesen. Wahrscheinlich hat er seinen nahen Angehörigen von seinen Erlebnissen berichtet. Vielleicht gibt es auch Dinge, die er niemandem erzählt hat. Diese verschwiegenen Details sind in keinem Buch zu lesen.

Erikas Erzählfaden fängt an, sich von unserem Thema zu lösen. Es geht um Schmidts Großvater, Kuckuck Plattenberg*. Der sei ebenso ein Pessimist gewesen wie sein Enkel. Und ein bisschen kauzig. Erika gibt ein paar Geschichten im Platt der Magdeburger Börde zum besten. Bei der Frage nach Schmidts Landwirtschaft kommt sie auf ihre eigene Familie zu sprechen, dann geht die Erzählung zu Hermanns Schwester über und zu ihrer Anstellung nach dem Krieg bei einer alten Dame. Schmidts Mutter kommt auch in einer Geschichte vor. Die Beziehungen auf einem so kleinen Dorf sind eng gesponnen. Die Erzählung umspannt ein ganzes Netz von freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen. Schmidt befindet sich fest in diesem Netz.

Nahtlos schließen sich Erikas Erinnerungen an ihre Reise per Anhalter in den Westen an, an den niederländischen LKW-Fahrer, der am Lenkrad Nüsse geknackt habe und an den Grenzübergang in Marienborn. Am Grenzübergang hat Erika die Beamten das eine oder andere Mal auch angekohlt.

Das Leben auf dem Dorf war nur teilweise vom Krieg bestimmt. Es gibt in Erikas Berichten keinen scharfen Bruch zum Ende des Krieges. Es ging alles einfach weiter. Der Erzählstrom fließt von der Kriegszeit über in die Deutsche Demokratische Republik. Hunger gab es auf dem Dorf kaum.

Eine Frage lenkt das Thema wieder auf die Stalingrader Schlacht. Was habt ihr von Stalingrad mitbekommen? Die Antwort: Polen sei ja wie ein Spaziergang gewesen. Wie ein Spaziergang? Allerdings habe ihr Vater schon immer gesagt, den Krieg können wir nicht gewinnen. Dann, tief in Russland die ersten Niederlagen, Stalingrad. Erst der Spaziergang durch Polen und dann das Bild des tiefen Russlands. Beide Erzählmotive haben kaum etwas mit den damaligen Ereignissen zu tun. Aber das ist wohl die damalige Art gewesen, über die Ereignisse zu reden. Ich denke an die Erzählung meines Großvaters über den Matsch im Herbst vor Moskau, in dem die Panzer stecken blieben. Der war auch tief. Das sei schlimmer gewesen als der Winter.

Zum Thema der Schlacht in Stalingrad fällt Erika das Bild der Madonna aus dem Kessel ein. Das habe ein Pastor gemalt, der in Stalingrad mit den Soldaten 1942 Weihnachten begangen habe. Erika wiederholt die Aussage Schmidts, für die Bewohner der Stadt sei es noch viel schlimmer als für die Soldaten gewesen. Bei ihrer Erinnerung an Stalingrad fällt ihr diese Zeichnung als Visualisierung und Symbol des Ereignisses ein. Sie ist ein Bestandteil des deutschen Erinnerns an Stalingrad. Für welche Sicht auf die Schlacht steht sie? Zunächst einmal für das Leiden der Soldaten. Aber anscheinend auch für das der Stalingrader Bevölkerung, wie Erikas unmittelbare Assoziation andeutet. Die Zeichnung verbindet diese zwei Gruppen. Sie scheint dem Schrecken des Krieges ein persönliches Gesicht zu geben. Die einfachen Leute erscheinen als Opfer der großen Politik. Erika verbindet damit zudem die Weihnachtsfeiern unter diesen schrecklichen Umständen. Die Idee, in dieser Situation Weihnachten zu feiern, betont die menschlichen Bedürfnisse der Soldaten. Menschen, die Weihnachten feiern wollen, können keine gesichtslosen Soldaten sein. Die Sinnlosigkeit der Schlacht wird dadurch deutlich. Die Zeichnung des Pastors wurde in der deutschen Gesellschaft zu einer wichtigen Deutung. Sie versinnbildlicht das Gedenken an die Schrecken in Stalingrad. Sie stellt eine trauernde Frau dar, das Symbol der Trauer für die Gefallenen. Für das Thema der Schuld der deutschen Soldaten bleibt in diesem Bild kaum Platz.

Ich frage Erika, ab wann sie selbst gedacht habe, dass der Krieg verloren ist. Gewinnen oder verlieren. Als ob es sich um ein Gesellschaftsspiel handelt. Ich verwende diese Schlagworte. Sie meint, dass sie bis März 1943 im Arbeitsdienst gewesen sei. Dort habe es ein paar Mädchen gegeben, die Angehörige in Stalingrad gehabt hätten. Erst habe es ja nur Erfolgsmeldungen gegeben, dann Stalingrad und andere traurige Meldungen. Mit „traurigen Meldungen“ sind die Niederlagen gemeint. Was genau ist das Traurige daran? Sind es die Meldungen über die vielen Gefallenen? Dass Erika vorher die Angehörigen ihrer Bekannten erwähnt hat, weist darauf hin. Aber hier mischt sich das persönliche Erlebnis vielleicht auch mit der Instrumentalisierung der Empfindungen zu dieser Zeit. Es ist nicht nur der persönliche Verlust, sondern die Identifizierung mit Deutschland und der Verlust für das „Vaterland“. Was für die eine Seite „traurige“ Meldungen sind, wurde auf der anderen Seite gefeiert. Die Leute haben das Seitendenken verinnerlicht. Eine deutsche Niederlage wird automatisch als traurige Nachricht wahrgenommen. Alle persönlichen Verluste zusammen wurden zu einem allgemeinen Verlust summiert. Warum werden dabei aber immer nur die Verluste auf unserer Seite der Grenze zusammengezählt und denen auf der „anderen“ Seite gegenübergestellt? Macht es einen Unterschied, ob der Gefallene deutsch, russisch, ungarisch oder rumänisch ist?

Erika erzählt vom Tod ihrer Cousine Maria* bei einem Bombenangriff auf Magdeburg. Die Geschichte von Erika wird anhand von Familienereignissen erzählt. Die offiziellen historischen Daten spielen kaum eine Rolle. In ihrer Erzählung über das Kriegsende folgt auf die familiäre Katastrophe von Marias Tod die Erinnerung an den Häftlingszug aus dem KZ Nordhausen, die Massenerschießung im Nachbarort, an dem einer aus Dreileben beteiligt war. Das Dorfnetzwerk lässt ihn nicht in Anonymität untergehen. Erika nennt seinen Namen. Erika beschreibt ihr Entsetzen über den Anblick der Häftlinge, ihr Gespräch mit einem entkräfteten Mann in ihrer Küche, der Unglaube über das, was sie sah. Das war ihre erste Konfrontation mit den Verbrechen des NS-Staates, die sie vorher nicht glauben wollte. Danach kamen die Flüchtlingstrecks, unverhofftes Wiedersehen, bekannte Gesichter in den Trecks. Die Tauscher, die aus den Städten aufs Dorf kamen, um etwas zu essen zu ergattern. Daraus seien interessante Kontakte entstanden.

Erikas Erzählstrom kann kaum unterbrochen werden. Im Gegensatz zu Hermann Schmidt erzählt sie. Manche Erinnerungen schmerzen auch. Das ist ihr anzusehen. Der Blick ist nach unten gerichtet, als ob sie dort die Erinnerungsbilder sieht. Sie lässt sich nur ungern unterbrechen. Ihre Erzählung steht für die Perspektive auf die Ereignisse aus dem relativ behüteten Blickwinkel eines Frauenlebens in einem kleinen Dorf in der Börde. Stalingrad ist nur eine ferne Formel ohne konkreten Inhalt, weil sie keinen nahen Angehörigen hat, der dort gekämpft hat. In ihrer Erzählung kommen daher offizielle Erzählmotive, die aus der Berichterstattung jener Zeit zu stammen scheinen, zum Vorschein. Auch Erklärungsmodelle der Nachkriegszeit wie die Versinnbildlichung der Leiden des einfachen Soldaten, des Opfers der großen Politik, mischen sich in ihren Bericht. Erika verbindet mit der Schlacht in Stalingrad die Leiden der Soldaten, die Niederlage und die Verluste ihrer Freundinnen. Aber in ihrer persönlichen Erinnerung spielt die Schlacht in Stalingrad kaum eine Rolle. Sie erscheint als eines unter vielen Kriegsereignissen, die weit entfernt, „tief“ in Russland, stattfanden.

 



*  Namen von der Autorin geändert.

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*  Namen von der Autorin geändert.

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