Unterschiede im Generationengedächtnis Drucken
Geschrieben von: Denis Tsoj   

Vor meiner Teilnahme an der Geschichtswerkstatt hat mich die Frage nie beschäftigt, wie sich verschiedene Generationen an die Stalingrader Schlacht erinnern. In der Schulzeit beschränkten sich meine Vorstellungen von der Stalingrader Schlacht auf die strategische Gegenüberstellung zweier Armeen. Einige Divisionen gingen zur Offensive über, andere versuchten, keinen Fußbreit zurückzuweichen. Während ich den Standpunkt der offiziellen Ideologie und mit ihr die Stereotypen der Schilderung nie einer Kritik unterzogen hatte, da ich mit sowjetischen Filmen und sowjetischer Literatur aufgewachsen bin, betrachtete ich die Schlacht an der Wolga als Student an der Fakultät für Geschichte nun genauer und gründlicher.

Mit dem Arbeitsbeginn der Geschichtswerkstatt führten mich die Wege unserer Untersuchungen zu einem Menschen und seiner Familie, der unmittelbar an der Stalingrader Schlacht teilgenommen hatte: Wassilij Ewdokimowitsch Nowitschenkow, im Jahr 1942 Soldat der Pionierkompanie der NKWD-Truppen. Meine Frage, wie stark sich – seiner Meinung nach – das Gedenken an die Schlacht in den verschiedenen Generationen unterscheidet, ließ er offen und erzählte nur von seinen eigenen Erinnerungen. Mit 17 Jahren wurde Wassilij Ewdokimowitsch an die Front eingezogen. Er war gebürtiger Stalingrader und hielt es für seine Pflicht, seine Heimatstadt zu verteidigen. Einen großen Eindruck machte auf mich eine Episode im Oktober 1942. Die Einheit von Wassilij Ewdokimowitsch, die zur 62. Armee gehörte, kämpfte unmittelbar an der Wolga und wurde immer mehr in die Verteidigung gedrängt. Eines Abends bekam der junge Nowitschenkow einen gefährlichen Auftrag: von den Deutschen ins Visier genommen, sollte er zum Bach gelangen, um Trinkwasser für seine Kameraden zu holen:

„... ich bewegte mich sprungweise fort und erreichte schließlich ohne Zwischenfälle das so ersehnte Wasser. Ich stellte den Napf auf die Erde, erhob die Augen und begegnete mit großem Erstaunen dem Blick eines jungen deutschen Soldaten, der seinen Napf ebenfalls mit Wasser füllte. Für einen kurzen Augenblick starrten wir uns sprachlos an. Der Deutsche fand sich als erster in der Situation zurecht und stürzte sich auf mich. Er schaffte es, meinen Hals mit seinen beiden Armen zu fassen und mich zu Boden zu werfen. Rasch verlor ich meine Kräfte, tastete mich aber zufällig an das Messer am Gürtel meines Gegners heran und schlug mit voller Wucht zu. Warmes und klebriges Blut floss auf meine Hand. Sein Griff an meinem Hals wurde schwächer. Ich warf den Deutschen auf den Boden und erhob mich rasch auf die Beine. Mir bot sich ein fürchterliches Bild. Ein noch ganz junger Bursche, vielleicht etwas älter als ich, krümmte sich im Todeskampf. Die Grimasse des Schmerzes verzerrte sein Gesicht, mein ganzes Leben lang erinnere ich mich an seine Augen, die von bloßer menschlicher Angst erstarrt waren. Gedanken schossen mit märchenhafter Geschwindigkeit durch meinen Kopf und wie ein heftiger Schlag kam das Bewusstsein, einem jungen Burschen das Leben genommen zu haben, der nur den Befehl seines Kommandeurs befolgt hatte. Die Kräfte verließen mich, ich sank auf den feuchten, mit frischem Blut durchnässten Boden. Tränen liefen mir aus den Augen ...“

Eine so unverhüllte Schilderung eines Vertreters der älteren Generation zeigte mir den Krieg nicht als einen Kampf zweier Armeen und nicht einmal als nationale Tragödie, sondern ließ mich in vollem Ausmaß den Schrecken begreifen, den jeder einzelne Mensch damals erlebt hat. Wir alle haben vom Untergang der einen oder anderen Armee, Division gehört, aber nur wenige nehmen wirklich zur Kenntnis, dass zig Tausende gefallen sind, dass eine riesige Anzahl Menschen ihr Leben im Krieg lassen musste! Die Kriegsveteranen, die Menschen im Rentenalter empfinden die Stalingrader Schlacht als Teil ihres Lebens, denn jeder von ihnen hat die Folgen des furchtbaren menschlichen Elends, das sie in der Jugend umgeben hat, mit seinen eigenen Augen gesehen.

Aber Untersuchungsobjekt waren nicht nur die Kriegsveteranen, sondern auch Vertreter der jüngeren Generation. Die Kinder von Wassilij Ewdokimowitsch, Antonina und Tatjana, erlebten natürlich all das nicht persönlich, was sich im Winter 1942/43 an der Wolga abgespielt hatte, trotzdem haben sie eine sehr lebhafte Vorstellung von jenen Ereignissen. Der Siegeskult wurde von der staatlichen Politik unterstützt und so zog sich der Krieg wie ein roter Faden durch alle Lebensbereiche der ersten Nachkriegsgeneration. Noch frisch waren die seelischen Wunden derjenigen, die Stalingrad verteidigt hatten. Sie erzählten ihren Kindern von der Heldentat, von denjenigen, die nur zerstörte Häuser vorfanden und vom Leiden der Menschen im Krieg.

Die Situation ändert sich drastisch mit der zweiten Nachkriegsgeneration, den Enkelkindern von Wassilij Ewdokimowitsch. In persönlichen Gesprächen mit ihnen gelang es mir, einiges über ihre Vorstellungen zu erfahren. Der Stempel der offiziellen Ideologie fällt dabei sofort ins Auge. Die Hauptquelle der Information über die Stalingrader Schlacht stellen für sie das Fernsehen und Bücher sowjetischer Autoren dar und nicht die Erzählungen ihrer Großmütter und Großväter. Deswegen ist Stalingrad für sie nicht der Ort des Gedenkens mit persönlichem Bezug, sondern eine heldenhafte Seite der Geschichte ihrer Heimat. Der Sieg an der Wolga ist für sie ein nationaler, aber kein persönlicher Feiertag. Die Ereignisse der längst vergangenen Tage sind schon nicht mehr vom bitteren Weinen der Mütter geprägt, die ihre Söhne verloren haben. Denn die Geschichtslehrbücher beschreiben nur noch die Handlungen der Armeen, aber nicht den Tod eines dir nahe stehenden Menschen.

Mit der Zeit erinnern sich die neuen Generationen nur dank der alten Filme und Geschichtsbücher an die Stalingrader Schlacht, die oft nicht den Sachverhalt widerspiegeln, sondern den staatlichen Interessen entsprechen müssen. Mit Blick auf die Ansichten der Schulabgänger und Studenten lässt sich sagen, dass die heutige Jugend die Stalingrader Schlacht bloß als ein wichtiges historisches Ereignis empfindet, aber nicht mehr als Kampf des Volkes gegen Okkupanten. Im Rahmen der Forschungsarbeit wurden die Jugendlichen gefragt, was für sie das Wort „Stalingrad“ bedeutet. Als Antwort bekam man typische Phrasen, wie man sie im Unterricht oder im Radio hört. Das spricht dafür, dass die Erinnerungen an jene Tragödie nicht mehr lebhaft sind, sie sind vielmehr zum Merkmal des alltäglichen Lebens in Wolgograd geworden. Das Vorhandensein vieler Denkmäler erinnert uns an die Heldentat, aber an welche, wissen wenige. Die heutige Generation ist nicht imstande, das Wesen des Ereignisses zu begreifen, das unser Schicksal verändert hat.

Je länger das Ereignis zurückliegt, desto mechanischer wird die Erinnerung an die Stalingrader Schlacht und verliert zunehmend an Bedeutung. Es ist schwer zu sagen, was davon an die folgenden Generationen weitergegeben wird. Aber vielleicht kann man zuversichtlich sein, dass das Wort „Stalingrad“ für immer in den Geschichtsannalen als Erinnerungsort grausamer Ereignisse vergangener Tage stehen bleibt.