| Was mir unter den Nägeln brennt |
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| Geschrieben von: Constanze Stoll |
Oder: Was macht unsere deutsch-russische Verständigung über die unterschiedliche Erinnerungskulturen so schwierig?Ich erinnere die vierzehn Tage unseres Aufenthalts in Wolgograd im Februar 2007 – passend zum 64. Jahrestage des Endes der Schlacht von Stalingrad – vor allem als voll und anstrengend. Kalt und kraftraubend, weniger wegen der gefühlten Minusgrade und der Husterei, die mich zwei Wochen lang quälte; eher der Kälte unseres deutsch-russischen Gedenkgegenstands wegen – die Schlacht von Stalingrad –, wegen der Sperrigkeit der Begriffe und meines Eindrucks, kommunikativ immer wieder in Sackgassen geraten zu sein. Auch wegen des Horrors dieser Schlacht. Es gibt einige Orte auf dieser Welt, an denen sich der nationalsozialistische Terror auch heute noch sehr direkt mitteilt – Wolgograd ist für mich einer davon. Mir drängt sich die Obszönität des Zerstörungs- und Vernichtungswillens, der der nationalsozialistischen Kriegslogik zueigen war, hier körperlich und seelisch auf. Furcht, Wut und Verantwortung als Deutsche sind mit in meinem Gepäck, auch die Unlust auf „Vaterlandsliebe“. Daran ändert auch der immer wieder zu vernehmende merkwürdige Ratschlag einiger Wolgograder Freunde nichts, doch diesen typisch deutschen Minderwertigkeitskomplex endlich zu lösen. Mich plagt die nationalsozialistische Vergangenheit der Deutschen nicht aufgrund einer biographischen und somit möglichen schuldhaften Verstrickung, es ist eher der Schrecken vor der Menschengemachtheit dieser Katastrophe. Schlichte Angst vor Krieg, Aversion gegen Verdrängung. Grauenvoll, unbehaglich.
Ich greife ein paar Aspekte heraus, um deutlich zu machen, was für mich die Schwierigkeit unseres Anliegens ausmacht. Kernbeobachtungen – Deutsches Erinnern an „Stalingrad“Für die deutsche Erinnerungskultur haben wir im Wesentlichen herausgestellt, dass es einerseits einen durchaus regen öffentlichen Erinnerungsbetrieb zu „Stalingrad“ gibt; während der 50er und 60er Jahre reflektierten im Wesentlichen Spielfilme und Romane die Schlacht von Stalingrad. In den 70er Jahren spielte der Zweite Weltkrieg und entsprechend „Stalingrad“ im Öffentlichen Gedenken kaum eine Rolle. Von 1980 bis 2003 (das Jahr des 60. Jahrestages des „Untergangs der 6. Armee“) häufen sich TV-Dokumentationen zum Thema. Diese Beiträge werden andererseits vornehmlich zu runden Gedenktagen oder auf den weniger beachteten Doku-Kanälen im Fernsehen ausgestrahlt. Einzigartig in Deutschland waren die beiden Ausstellungen über die Verbrechen der Wehrmacht1 sowie die Ausstellung zur Schlacht von Stalingrad 2003 im Museum Berlin-Karlshorst. Im Zentralen Deutschen Historischen Museum in Berlin ist die Schlacht von Stalingrad unter der Abteilung zum Krieg an der Ostfront eher wenig pointiert Thema. Obwohl in Deutschland das zu erinnernde Geschehen keine räumliche Anbindung erfährt – Stalingrad liegt nicht in Deutschland, es gibt kein Museum und auch keine U-Bahn-Station gleichlautenden Namens – ist Stalingrad als Erinnerungsort auch Deutschen als eines der wichtigsten historisches Ereignisse des Zweiten Weltkriegs präsent. Das heißt Stalingrad ist in Deutschland wohl ein ortloser Erinnerungsort. Während unserer Analyse kamen wir innerhalb der deutschen Gruppe vorerst zum Schluss, dass sich das öffentliche mediale Erinnern stark von den wissenschaftlichen Debatten und ihren Ergebnissen unterscheidet. Entsprechend weichen die Bedeutung der Schlacht und die Rolle, die „Stalingrad“ heute in der öffentlichen Meinung respektive der historiographischen Fachwelt zugewiesen wird, von einander ab. Da es in Deutschland zum Zeitpunkt unserer Geschichtswerkstatt keine Ausstellung gab, konzentrierten wir uns auf die Analyse einer kleinen Auswahl von Filmbeiträgen, die Lektüre von wissenschaftlichen Texten, und machten selbst Interviews unter Zeitzeugen und ihren Angehörigen. Was wir an die russischen Kolleg/inn/en weitergaben ist, dass vermutlich im öffentlichen Bewusstsein der deutschen Mehrheitsbevölkerung folgende Annahmen und Assoziationen natürlich nicht zufällig überwiegen:
Grundsätzlich ist die Erinnerung, beziehungsweise das erinnerte Faktenwissen ziemlich gering: Deutsche, insbesondere jüngere Menschen, wissen wenig Genaues über dieses Ereignis des Zweiten Weltkriegs. Und ein anderes Phänomen beobachteten wir, das wir allerdings nicht wie der Essener Sozialpsychologe Harald Welzer statistisch belegen können: Von der deutschen Kindergeneration (zum Beispiel 1932 Geborene), von denen kein Angehöriger in Stalingrad eingesetzt war, wird nicht selten die Fähigkeit, sich zu erinnern, regelrecht ausgeschlossen. Dies geschieht unter dem Hinweis auf das jugendliche Alter (ein merkwürdiges Ausschlusskriterium für das Erinnern an sich), darauf, dass Erwachsene ja Nichts rausgelassen hätten und auf die strenge Geheimhaltung der Nazi-Propaganda. Wiederholt ist die Floskel zu hören „wir wussten ja von alledem nichts“. Diese Antwort ist signifikant für eine Haltung dieser Generation: Das eigene mögliche Erinnern (an was auch immer) wird mit dem nachgelieferten und hier eigentlich nicht abgefragten Wissen um den Holocaust kausal verquickt und damit verunmöglicht. Positiv formuliert: Das „Sich-nicht-erinnern-können“ wird durch die Nazi-Geheimpropaganda plausibel gemacht. In dieser Logik ist ein moralischer Imperativ angesiedelt, der aber wiederum von den Nazis vereitelt wurde. Hätten die Nazis ihre Gräueltaten nicht so gut verschleiert, hätte man sie mitbekommen; folglich könnte man sich heute an sie erinnern und die eigene Familie hätte vermutlich – das ist das eigentlich zentrale Moment – auch Widerstand geleistet. Aber so…2 Bis heute wird durch diese Erinnerungskultur in Deutschland vornehmlich der Mythos um die Schlacht von Stalingrad transportiert. Er wurde bereits bevor die 6. Armee am 2. Februar 1943 tatsächlich kapitulierte durch Goebbels Propagandamaschine massiv angefacht. Das Mythische dieser Erinnerungsform ist geprägt durch die Wortwahl in Titeln (zum Beispiel „Untergang der 6. Armee“, besonders bei Guido Knopp), die an die Sprache der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ angelehnt ist, durch die immer wieder auftauchende Erwähnung der Schlacht als Zäsur, also einem definitiven und einfachen Wendepunkt im Kriegsgeschehen für das „Deutsche Reich“. Richtiger weil genauer wäre, auch für den öffentlichen Diskurs in diesem Zusammenhang herauszustellen, dass sich die Wahrnehmung einer Zäsur nicht sinnvoll auf den militärstrategischen Verlauf beziehen konnte, sondern als Symptom der endgültig eingeknickten Kriegseuphorie der Deutschen gelesen werden muss: Die Hoffnung auf den Sieg kam zusehends zum Erliegen. Russisches Erinnern an „Stalingrad“Wir haben uns anfangs im Austausch mit unseren russischen Kolleg/inn/en vor allem auf einen direkten Vergleich mit diesen Aussagen gestützt. Dabei, so glaube ich, haben wir recht schnell einige Gemeinsamkeiten festgestellt. So wird auch für die russische Gesellschaft mindestens von angehenden Historikern und Fachleuten eine ähnliche Abweichung in der Mainstream-Meinung von der Meinung der wissenschaftlichen Elite bestätigt: Ergebnisse der Forschung seien schwierig in der Bevölkerung zu verankern. Das liegt natürlich in Deutschland wie in Russland an den unterschiedlichen Funktionen des Erinnerns bei der Mehrheitsbevölkerung im Gegensatz zur Profession der Historiker. Dennoch sollte eine Gesellschaft nicht auf die Errungenschaften von kritischer Forschung und Analyse historiographischer Dokumente verzichten, gerade wenn es um kollektive und identitätsstiftende Erinnerungsarbeit geht.
verehrte (Papp-)Kameraden Begriffsundeutlichkeit und erste VermutungenWir redeten die ganze Zeit über Erinnern, Gedächtnis, Gedenken als wäre einvernehmlich, was damit gemeint ist. Im Austausch mit den russischen Kolleg/inn/en zeigte sich jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Allein über die Verwendung und Übersetzung des deutschen Verbs „erinnern“ herrschte in unserer Kommunikation keine Einhelligkeit. Während wir deutsche Teilnehmer/innen unter „erinnern“ eine bewusste kognitive Handlung verstehen, die von gesellschaftlichen Moden und (Un-)Freiheiten beeinflusst und damit in Bezug auf die erinnerten Inhalte veränderbar ist, unterstreicht zumindest in unserer Wahrnehmung das russische Verständnis – вспоминать о чем-нибудь (sich an etwas erinnern, etwas gedenken), напомнить о чем–нибудь/что-нибудь (an etwas erinnern) – die Konstruiertheit dieses Unterfangens nicht deutlich. Entsprechend der Einflüsse postmoderner Dekonstruktionsvorstellungen hat sich im deutschen Kontext die Geschichtswissenschaft geöffnet für das Verständnis von Geschichte als einer Sammlung berechtigter Narrationen, deren Inhalte, Aussagen, Deutungsansätze im Prinzip immer flüchtig und stark abhängig sind von ihren Erzählern und deren Perspektiven. In Wolgograd jedoch wurden wir immer wieder mit dem Herrschaftsdiskurs zum Erinnern konfrontiert – vor allem von offizieller Seite –, mit der ‚vorpostmodernen‘ Ansicht, dass es kein unterschiedliches Erinnern/Gedächtnis geben kann, da es nur eine „wahre“ Geschichte gäbe; so als würde Geschichte verstanden als eine Quantität: ein Ereignis mit einer Begründung.
Zwar wird das russische Wort „память“ mit „Erinnern“ respektive mit „Gedächtnis“ übersetzt – siehe etwa den Katalog zur Ausstellung des Karlshorster Museums „Stalingrad erinnern/Память о Сталинграде“. Bei genauerer Betrachtung jedoch wird deutlich, dass „память“ weniger als eine von Individuen ausgehende aktive Handlung verstanden wird, sondern vielmehr als eine mit bestimmten Inhalten gefüllte Haltung eines Kollektivs, Vergangenes zu vergegenwärtigen und zu bewerten: Kollektives Erinnern als identitätsstiftendes Ritual mit einem festen Kanon, der nicht von den heterogenen Perspektiven auf das Erlebte und Erinnerte von Bürgern und Bürgerinnen geprägt, sondern von oben programmiert ist. Wir haben bislang nicht nachgefragt, ob im Geschichtsstudium an Wolgograder Universitäten museumspädagogische Authentizitätskonzepte nachgestellter Historie thematisiert werden und der Wirklichkeitsanspruch von überlieferter Geschichte hinterfragt wird. Mir schien, dass manche Überlegungen von der offiziellen russischen Geschichtswissenschaft nicht gefördert werden und obendrein unerwünscht sind, wie zum Beispiel ob Geschichtsschreibung lediglich retrospektiv einem chaotischen Komplex aus unzusammenhängenden Zufälligkeiten und von Menschen beeinflussten Entscheidungen ein Sinngefüge oktroyiert, oder ob diese oder jene Schlachtepisode unter anderer erzählerischer Perspektive nicht auch ganz anders ausfallen könnte. Mit diesem angenommenen Unterschied in der wissenschaftlichen Diskurspraxis geht ein weiterer Unterschied einher. Deutsche Studierende scheinen für ihre Metakapriolen den Preis des geringen Faktenwissens zu zahlen: Wir hinterfragen zwar schnell die Heldengeschichtserzählungen über die Schlacht von Stalingrad ob ihrer Abgenutztheit, konstatieren die unverhältnismäßig zahlreichen Leerstellen anderer Erzählungen oder zollen den Veteranen zwar Respekt, schätzen aber den Nutzen ihrer Zeitzeugenschaft wegen ihres offenkundigen Funktionalisiert-Seins durch die staatliche Propaganda gering ein. Andererseits jedoch wissen wir sehr wenig über die Schlacht von Stalingrad. Ganz im Gegensatz zu unseren russischen Kolleg/inn/en, deren allgemeines Geschichtsstudium im Wesentlichen aus dem Erlernen von Faktenwissen besteht. Natürlich scheinen sie alles über die Schlacht von Stalingrad zu wissen: Was einzelne Kämpfer Heldenhaftes vollbrachten, wann welche Entscheidungen von welchen Generalen getroffen wurden usw. Der Preis, den sie zahlen, scheint mir der zu sein, dass sie keine oder wenig Interpretationsinstrumentarien an die Hand bekommen. Geschichte ist schon geschrieben – nun lässt sie sich nur noch konsumieren, sprich auswendig lernen. Und sie wissen, wonach besser nicht zu fragen ist. Wie zur Bestätigung der Annahme, dass alles Einbimsen von Faktenwissen nicht das erhoffte Geschichtsinteresse und die Gedenkpflege fördert, beklagen die russischen Kolleg/inn/en und auch sonstige geschichtskundigere Jugendliche bemerkenswerter Weise, dass die Wolgograder Jugend nichts mehr von der Schlacht von Stalingrad wisse. Mir schien, dass hier eine zu oft gehörte Erwachsenen-Sprachregelung einfach reproduziert, aber nicht genauer nachgefragt wird, was das Interesse an Geschichte eigentlich zu befördern vermag, und welche Mechanismen der Weitergabe von Erinnertem diesem Zweck am meisten entgegenkommen. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass die unveränderbare und zentralisierte Geschichtsdarbietung in den Museen Grund dafür ist, warum möglicherweise die heute viel schlechter einheitlich zu leitende Wolgograder Jugend angeblich weniger Interesse an Geschichte allgemein und der Stadtgeschichte im Besonderen hat. In diesem Zusammenhang stellt sich eine zentrale Frage neu: Warum sollen oder wollen wir etwas über Geschichte wissen? Was sollen wir über Geschichte wissen? Was hat Geschichtswissen für einen Nutzen?
Da scheiden sich die Geister der SystemeAn dieser Stelle stoße ich gedanklich auf einen zentralen Systemunterschied, der wie ich meine, unsere Kommunikation eben doch erschwert: Es herrscht eine unterschiedliche „Atmosphäre“ bezüglich des Rechts auf subjektive Meinung und der Möglichkeit, Kritik zu üben. In Deutschland stehen die staatlichen Vorgaben für die Interpretation bestimmter, die Geschicke Deutschlands maßgeblich prägender historischer Ereignisse mehr oder weniger lässig neben den Interpretationen anderer Instanzen. Zwischen ihnen herrscht zuweilen keine Einvernehmlichkeit, die sich auch in Form von Historikerstreiten in gesellschaftlichen Debatten widerspiegeln. Bereits im Vorfelde unseres ersten Besuchs in Wolgograd hatte sich die Annahme bewiesen, dass Geschichte in Russland einem stark hierarchisierten Deutungssystem unterstellt ist, in dem staatliche Stellen Interpretationshoheit beanspruchen – und eigentlich auch genießen. So wurden die russischen Teilnehmer/innen vorab vom Personal des Staatlichen Panorama-Museums geprüft, ob ihr fachliches Wissen überhaupt ausreiche, um an einem Projekt teilzunehmen, im Rahmen dessen eine Ausstellung des Museums analysiert wird. Der Zusatz „kritische“ im Zusammenhang mit unserer Aufgabe der „Analyse“ zweier Ausstellungen in Wolgograd war ein rotes Tuch für die Museumsleute. Bei meinem Versuch, unseren russischen Museumspartnern unser Anliegen angesichts der beabsichtigten kritischen Ausstellungsanalyse zum russischen Gedenken an Stalingrad klarzumachen, ertappte ich mich dabei, den an uns gerichteten Vorwurf mitzudenken, wir wollten hierdurch das Gedenken an die vor allem russischen Opfer diskreditieren. Übrigens geht mir das auch mit manchen Deutschen so, die in Gesprächen die vielen Leerstellen im Erinnerungsort Stalingrad durch Verdrängung und einseitige Darstellung reproduzieren und mein Nachfragen als unverständlich und zweifelhaft charakterisieren. Auch bei meinen russischen Kolleg/inn/en aus der Geschichtswerkstatt bemerke ich ängstliches Unwohlsein und Beklemmung, die sich allerdings oft in Trotz verkehrt, wenn die Begegnung mit den Museumsleuten naht, die Interpretationshoheit über die Geschichte für sich beanspruchen. Wir alle gehen von scheinbar nur schwer zu überbrückenden oder konstruktiv zu lösenden Meinungsgegensätzen aus. So wird beispielsweise das Interesse, Mythen zu entkräften, entweder einfach nicht verstanden und entsprechend nicht geteilt oder als Frontalangriff gegen Traditionen und Sicherheit gewertet. Unsere das Projekt begleitende russische Historikerin fragte einmal fast unwillig, was es denn für einen Zweck habe, Mythen zu zerstören. Es dauerte eben eine Weile, bis ich die Kurve kriegte: Wenn es die Aufgabe des Mythos ist, Ereignisse auf eine ideologisierende Erzählung mit einseitigem Sinnzusammenhang zu reduzieren, dann tue ich gut daran, den impliziten antipluralen und herrschaftsunkritischen Appell zu durchschauen, der eine unzweifelhafte nationale Identität durch die „richtige“ Deutung von Geschichte schaffen will. Ich will nicht glauben müssen, was mich andere glauben machen wollen, nur weil sie einen staatstragenden Nutzen dabei erkennen. Zwischen Deutschland und Russland herrscht ein elementarer Unterschied in der Meinungs-, Streit- und Debattenkultur. Diese Einschätzung zu den ‚geistigen‘ Freiheiten in Deutschland und Russland sollen nicht heißen, dass ich glaubte, es handle sich bei deutschen Bürgern und Bürgerinnen um tolle unangepasste, politisch interessierte und herrschaftskritische Menschen. Unsere russischen Kolleg/inn/en sind allesamt keine unkritischen Duckmäuser. Jedoch wird die Kritik unserer Wolgograder Kollegen am Panorama-Museum, dass es eher langweilig und die Ausstellung uninteressant sei, nur hinter vorgehaltener Hand formuliert. Die rein theoretische Möglichkeit der kritischen Partizipation zur Umgestaltung wird jedoch ebenso wenig erwogen wie für möglich befunden. Das Panorama-Museum ist ein Denkmal seiner Zeit und kann und soll in diesem Sinne auch gar nicht verändert werden. FazitDie teilweise unverhohlen skeptische bis aggressive Haltung seitens des Panorama-Museums unserer Geschichtswerkstatt gegenüber erschwert die Kommunikation. Ich vermute hinter diesen Störungen inhaltliche Unterschiede im Verständnis von Erinnern und Gedenken an den Zweiten Weltkrieg beziehungsweise den Großen Vaterländischen Krieg. In gewisser Weise ist diese Problematik technischer Art und wirft die Frage auf, wie wir die Zusammenarbeit mit den Museen gestalten wollen: Welche Spielräume haben wir noch nicht ausgeschöpft? Die Museen sind nicht einfach nur eine der Öffentlichkeit zugängliche Institution, die wir so oft wir wollen besuchen können. Es geht um eine Kooperation, in deren Folge auch Ergebnisse unserer Analyse über die Museen multipliziert werden sollen. Also müssen wir uns um eine konstruktive und gewinnbringende Auseinandersetzung mit den Museen bemühen und praktisch nach Möglichkeiten suchen, wie wir überzeugend verständlich machen können, dass unser Anliegen auf die Sensibilisierung der Öffentlichkeit in Bezug auf die Schlacht von Stalingrad abzielt und in diesem Sinne Gedenkpflege ist: Pflege des Erinnerns an Täter und Opfer. Wie wir die im Projekt beabsichtigen „Empfehlungen zur Erweiterung der Ausstellungen“ erreichen wollen, ist mir momentan vor diesem Hintergrund ein Rätsel. Vielleicht wäre es schon viel, schafften wir es, einen Flyer mit ausschließlich unkritischen Informationen als praktischen Wegweiser herzustellen und im Panorama-Museum an der Kasse auszulegen. Aber wollen wir das? Die Kerndifferenzen im Verständnis über Geschichtsrepräsentationen ziehen sich weniger entlang einer national-ideologischen Trennlinie – also hier die deutsche, da die russische Meinung – als vielmehr an einer transnational-generationellen. Das ist ein Trost, mit dem uns auch der ehemalige Leiter des Deutsch-Russischen Museums in Karlshorst Peter Jahn ermutigte, weiter über die Schlacht von Stalingrad und ihre Bedeutung zu diskutieren. Für uns bleibt die Motivation dazu kraft unserer Gegenwart bestehen: Wir sind die Nachfolger der Kriegsgeneration; unsere Identität stützt sich notgedrungen auf dem Erlebten und Erinnerten unserer Vorfahren. Grund genug, weiter zu stöbern und die Repräsentationsformen von Geschichte zu hinterfragen. Die Chancen für einen Erkenntnisgewinn stehen aufgrund der Möglichkeit, die unsere deutsch-russische Geschichtswerkstatt für den interkulturellen Austausch dank des Projekts hat, gut! Fußnoten1) Eine erste Ausstellung wurde von 1995 bis 1999 an 33 verschiedenen Orten gezeigt, die zweite Ausstellung mit verändertem Konzept, in der die Schlacht von Stalingrad und der Weg der 6. Armee dorthin nicht mehr einzeln hervorgehoben wurden, wurde 2001 bis 2004 an elf Orten gezeigt. zurück2) Deutlich wird für mich an dieser Haltung, was Bernd Ulrich über den Erinnerungsort „Stalingrad“ schreibt, dass nämlich die nationale Identität der Deutschen um das Stigma der von ihnen begangenen Verbrechen kreist. Da wo nicht erinnert werden darf, die Identität nicht per erinnerter Vergangenheit untermauert werden soll, weil das eventuell tatsächlich Erinnerte, das potenziell zu Erinnernde oder das Verdrängte/Vergessene immer einen Schuldvorwurf oder gar Schuldeingeständnis impliziert, versagt die Vergangenheit ihren Dienst an der Gegenwart und Zukunft: Appelle á la „nie wieder“ und dergleichen verpuffen in ewigen Blasen und leiten zu Ignoranz an. Ebensolches, da bin ich sicher, gibt es auch auf russischer Seite, da genügend nicht erinnert wird, weil zu erinnern unerwünscht ist. zurück |