Deutsch-russische Geschichtswerkstatt
  • русский
Wolgograd Drucken
Geschrieben von: Stefan Langkabel   
Mit unserer Wolgogradfahrt habe ich zugleich meinen ersten russischen Winter erlebt. (...) Die Zeremonien zum Jahrestag der Schlacht hatte ich mir etwas größer und kompakter vorgestellt. (...) Es war für mich ein komisches Gefühl, die Veteranen zu sehen. Ich kann glaube ich jetzt besser nachvollziehen, dass Menschen patriotische Gefühle entwickeln, obwohl alles ein bisschen zu leer und zu steif ablief. Mir schien, dass die Veteranen nur einmal im Jahr „aus ihren Löchern“ heraus kommen. Wo sind sie denn sonst? Bisher sind mir in Russland nur wenige alte Menschen begegnet. Was haben die Veteranen nach der Zeremonie gemacht? Sind sie einfach wieder nach Hause gegangen, gab es ein offizielles Essen? Kommen die Veteranen bei solchen Zeremonien überhaupt mal zu Wort oder sind sie nur passive Zuhörer, um nicht zu sagen Statisten? Die Helden von einst – haben sie bessere Renten als gewöhnliche Bürger im Pensionsalter? Ich habe mich dabei ertappt, dass mir die Feierlichkeiten geheuchelt vorkamen. Es sind einige Fragen für mich offen geblieben.
Der Umgang der Russen mit deutschen Waffen bzw. Symbolen hat mich sehr überrascht. Es scheint, dass jeder zweite Junge in seinem Zimmer einen deutschen Stahlhelm rumliegen hat. Mein Gastgeber hatte zwei davon. Eines Morgens wurde mir der Tee in einer Tasse mit Hakenkreuz und deutschem Adler kredenzt. Faschistische Symbole sind weniger negativ aufgeladen als bei uns, der Umgang mit ihnen scheint unverkrampft. Ich habe schon oft Ausländer sich darüber wundern hören, Deutsche seien so empfindlich gegenüber Nazisymbolen und -gesten – etwa dem Heben des rechten Arms. Die haben gut reden – müssen diese Menschen schließlich nicht die Bürde der Nazi-Geschichte tragen.

Mit einer unserer Teilnehmerinnen diskutierte ich über die Requisiten und Fundstücke, die zwei unserer russischen Teilnehmer sammeln. Prinzipiell respektiere ich, wenn sich jemand für das Militär interessiert. Ich selbst habe mich früher eine Zeitlang intensiv damit beschäftigt. Allerdings habe ich gemerkt, dass ich auf persönliche Gegenstände empfindlich reagiere. Das Soldbuch eines deutschen Soldaten vor mir liegen zu haben ist ein sehr merkwürdiges Gefühl. Vermutlich sind einige der Einschusslöcher in den Stahlhelmen nachträglich eingearbeitet. Doch der Gedanke, dass jemand hier, so weit weg von der „Heimat“ tödlich getroffen wurde und seine „Reste“ nun als Souvenir oder ähnliches gehandelt werden … Dies alles wirkte auf mich sehr befremdend. Ich möchte nicht zwischen deutschen oder sowjetischen Soldaten unterscheiden, kann jedoch persönlich besser mit dem Schicksal der deutschen Soldaten identifizieren. Jedenfalls merkte ich, wie dort ein wunder Punkt in mir getroffen wurde. Mir fiel das Wort Pietätslosigkeit ein. Mir trat die Sinnlosigkeit, warum und wofür einst die Deutschen so weit weg von der Heimat in Stalingrad gekämpft haben, besonders deutlich vor Augen. Vor allem wenn man am deutsch-russischen Soldatenfriedhof in Rossoschka steht und in die weite, öde Steppe blickt. Krieg zu führen, um solch trostlose Gegenden zu erobern?! Als ob das die Deutschen mit ihrer „Wohlstandsgesellschaft“ (verglichen mit den damaligen sowjetischen Lebensverhältnissen) nötig gehabt hätten.

Wie gesagt, ich kann das Interesse für Militär und Kriege teilweise nachvollziehen. So faszinieren mich einige für den Krieg typische Phänomene wie Brüderlichkeit und Kameradschaftlichkeit, Heldentum, Zusammenhalt. Die „Spielregeln“ des Krieges laden dazu ein, sich zu beweisen und den Helden zu spielen … Hiervor werden wohl vor allem tiefe männliche Sehnsüchte angesprochen.

Was ich also abschließend sagen möchte: Ich verstehe die Faszination für das Militär. Es darf jedoch nie vergessen werden, dass alle Waffen zum Töten geschaffen und erdacht wurden. Spätestens beim Töten hört für mich die Faszination auf!

Bei der Kriegsbegeisterung handelt es sich nicht um ein Phänomen nur unter russischen und deutschen Jugendlichen. Ich empfinde es als generelles Problem vornehmlich bei männlichen Personen. Die oben geschilderte Situation, in dem die deutschen Teilnehmer zum Teil mit Humor, zum Teil aber auch naiv interessiert die Waffen begutachteten, war für mich schon sehr beklemmend! Ähnliche Reaktionen rief bei mir auch die Tasse mit dem Hakenkreuz aus.

Für mich ist die Quintessenz unserer ersten Reise, dass ich mich später beruflich mit Projekten beschäftigen möchte, die der Friedenssicherung dienen. Wichtig ist dabei vor allem die Arbeit mit Jugendlichen. Stalingrad als Symbol für die Sinnlosigkeit von Krieg bietet sich dabei natürlich an.

 
Banner