| Das Wolgograder Panorama-Museum |
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| Geschrieben von: Sandra Dahlke |
Der MuseumskomplexDas Wolgograder Staatliche Panorama-Museum „Die Schlacht von Stalingrad“ wurde am 6. Mai 1985 für die Besucher geöffnet, zwei Monate, nachdem Michail Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wurde. Der Museumskomplex, der in der Breschnew-Zeit, dem Höhepunkt des Gedenkens an den Großen Vaterländischen Krieg und der Heldenverehrung, geplant und gebaut wurde, umfasst neben dem 360° umspannenden Schlachtenpanorama acht Ausstellungsräume, die kreisförmig um den einem Pantheon gleichenden „Saal des Triumphs“ angeordnet sind. Die äußeren, sehr dunkel gehaltenen Ausstellungsräume, die einige Teilnehmer der Geschichtswerkstatt an einen Schützengraben erinnerten, kontrastieren stark mit dem weiß gestrichenen, hohen und lichtdurchfluteten Kuppelsaal des Triumphs. Die Ausgestaltung der acht Ausstellungsräume entspricht der für die Geschichte der Stalingrader Schlacht typischen sowjetischen Darstellungsordnung: Raum 2 ist dem Beginn der Stalingrader Schlacht gewidmet, Raum 3 dem „Mut und der Tapferkeit der Verteidiger Stalingrads“, Raum 4 den Straßenkämpfen in Stalingrad, Raum 5 der Hilfe der Bevölkerung für die Soldaten, Raum 6 der Gegenoffensive der sowjetischen Truppen, Raum 7 den Marschällen und Generälen, die an der Schlacht teilgenommen haben, Raum 8 dem „Sieg des Sowjetvolkes in der Stalingrader Schlacht“. In Raum 8 befindet sich der einzige Zugang zum Saal des Triumphs und zum darüber liegenden Panoramagemälde. Kleine und große HeldenDurch die Benennung der einzelnen Räume und deren Anordnung wird zumindest in Teilen eine chronologische und kausale Organisation der Exponate suggeriert; eigentlich geht es aber weniger um die konkreten Zusammenhänge und zeitlichen Abläufe des Schlachtgeschehens, als vielmehr um die vielen kleinen und großen Helden bei der verlustreichen Verteidigung der Stadt. Der Besucher soll bei seinem Gang durch die einzelnen Räume die Prüfungen und Heldentaten der einfachen Bewohner Stalingrads, der Arbeiter, der Ärzte und Krankenschwestern, der Soldaten, der politischen und militärischen Führer nachvollziehen. Die meisten der hier präsentierten Menschen werden durch modellhafte Kurzbiographien und zahlreiche Fotos und Porträts im Duktus des Sozialistischen Realismus gleichzeitig individualisiert und entindividualisiert. Ihre Leiden und ihre Selbstüberwindung sollen sowohl individuell nacherlebt werden, als auch in ihrer Modellhaftigkeit als Vorbild dienen. Der Saal des Triumphs, in dem der Besucher seinen Parcours abschließt, so er sich an die vorgegebene Ordnung hält, bildet den sakralen Kern des Museums, in dem die kleinen und großen, lebenden und toten Helden nach dem gemeinsam durchstandenen Martyrium und eben durch die dargestellte kollektive Opferbereitschaft zu einem Sowjetvolk zusammengeschmolzen werden. Sowohl die Architektur des Museums als auch die Auswahl und Anordnung der Exponate erfüllen bis heute die Aufgabe, den Heldenkult und damit die integrative Wirkung des Großen Vaterländischen Krieges in die Friedenszeit hinein zu verlängern und die Nachgeborenen zu vergleichbar opferbereitem Dienst für den Staat zu verpflichten. Weiße FleckenMindestens ebenso aussagekräftig wie das Gezeigte ist das Nicht-Erwähnte oder Versteckte: Die zeitgenössische sowjetische Berichterstattung und Dokumente über den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939 sind zwar seit kurzem im Museum zu sehen, sie befinden sich jedoch in mit schweren Metallplatten zuklappbaren Schaukästen, die wenig offensichtlich am Rande der Ausstellungsräume aufgestellt sind. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge und Hintergründe der Schlacht werden, wie auch eine leitende Museumsmitarbeiterin kritisch anmerkte, nur sehr oberflächlich beleuchtet. Die Verbrechen der Stalinistischen Parteiführung gegen die sowjetische Bevölkerung finden keine Erwähnung: Die Folgen der Kollektivierung in Südrussland, der Terror gegen die Führungsspitze der Roten Armee in den Jahren 1937/38, die Deportation ganzer Bevölkerungsgruppen, strategische Fehler und militärische Inkompetenz, sowie die bewusste Entscheidung der Stalinschen Parteiführung, die Stadt nicht zu evakuieren, und damit die Inkaufnahme hoher ziviler Opferzahlen werden an keiner Stelle thematisiert. In einem Gespräch mit den Teilnehmern der Geschichtswerkstatt sagte eine leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums, dass diese Aspekte aus Rücksicht auf die wenigen noch lebenden Veteranen, deren Lebensleistung und Opfer man respektieren müsse, nicht oder nur versteckt im Museum aufbereitet werden könnten. Ihre verschlüsselten und unkonkreten Hinweise auf die Einflussnahme des russischen Innenministeriums und militärischer Berater auf die Gestaltung der Ausstellung lassen aber ebenso wie die aktuelle geschichtspolitische Kultur vermuten, dass eine kritische Umgestaltung des Museums nicht erwünscht ist. Das Ritual: die SiegesfeierAuch die Bespielung des Museums ist Teil der räumlichen Inszenierung. Jedes Jahr findet anlässlich des Sieges über die Deutschen am 2. Februar ein Empfang für die Veteranen im Panorama-Museum statt. Bei der diesjährigen Veranstaltung konnten die Mitglieder der Geschichtswerkstatt zusehen. Die Zeremonie beginnt mit einer Kranzniederlegung zum Gedenken an die Gefallenen am Ewigen Feuer auf der Allee der Helden im Zentrum Wolgograds. Ausgewählte uniformierte Schülerinnen und Schüler mehrerer Schulen bilden die Wachposten am Ewigen Feuer. Im Anschluss daran treffen sich die Veteranen im Saal des Triumphs im Panorama-Museum, wo ein Dokumentarfilm über den Krieg gezeigt wird. An der Eingangstür werden sie ebenfalls von etwa 15- bis 17-jährigen Jungen und Mädchen in Uniform empfangen, die einen wesentlichen Bestandteil der Zeremonie bilden. Als Vertreterinnen der Jugend gaben zwei Mädchen den anwesenden Veteranen das patriotische Versprechen, genauso wie diese das Vaterland zu verteidigen und den Staffelstab von diesen zu übernehmen. Mit dem Motiv der Übergabe des Staffelstabs an die nächste Generation und des Versprechens der Jugend an die Älteren wird ein wesentliches Element des Ritualinventars der Stalinistischen Diktatur in einen anderen Kontext überführt. Das Interesse an dieser Zeremonie erschien jedoch insbesondere unter Jugendlichen sehr gering und wirkte auf viele anscheinend anachronistisch. Die Zahl der nur noch wenigen lebenden Veteranen, die in mit Orden geschmückten Uniformen an der Veranstaltung teilnahmen, belief sich auf ungefähr vierzig Personen. Als Zuschauer wohnten ihr lediglich einige wenige ältere Leute bei. Geschichtspolitik und neue Formen der SelbstinszenierungAber auch wenn die aktuelle Putinsche Geschichtspolitik versucht, explizit an die patriotische Form des Gedenkens, die insbesondere für die Breschnew-Zeit typisch war, anzuknüpfen und damit eine „imperiale Identität“ einer nach Orientierung suchenden Gesellschaft zu fördern, scheinen derartige Zeremonien keine große Wirkung mehr auf die Jugend auszuüben. Im Jahr 2002 hatte Putin ein Dekret über die „Patriotische Erziehung der Bürger der Russländischen Föderation“ erlassen. In der Jugend sollte wieder der Wunsch zum Dienst in der Armee und die Bereitschaft zur Verteidigung des Vaterlands gestärkt werden. Entsprechend hatte Putin die Historiker aufgefordert, ein neues Lehrbuch für den Geschichtsunterricht zu verfassen, das dem Großen Vaterländischen Krieg und den Verdiensten der russischen Generäle eine angemessenere Würdigung als bisher zukommen lassen solle. Um dieses Anliegen zu unterstreichen, war er am 2. Februar 2003 mit einer großen Delegation zum 60. Jahrestag des Endes der Schlacht von Stalingrad nach Wolgograd gefahren. Ein Produkt dieser neuen Politik ist die Wiedereinführung des Wehrkunde- und Wehrsportunterrichts für Jungen an den russischen Schulen, die insbesondere bei vielen männlichen Jugendlichen auf Zustimmung stößt. Eine größere Wirkung als altmodische Zeremonien in Museen scheinen aber hinsichtlich der patriotischen Erziehung junger Menschen die militaristischen, xenophoben, eine atavistische Männlichkeit verherrlichenden neueren Filme wie z.B. „Die Unsrigen“ von Aleksandr Nevzorov, der Zweiteiler „Der Bruder“ (1997 und 1998) und „Krieg“ (2002) von Aleksej Balabanov zu erzielen. Diese Filme über russische Rambos erfreuen sich großer Beliebtheit und haben wohl auch den Präsidenten höchstpersönlich zu seinem jüngsten muskelstrotzenden, auf westliche Beobachter etwas befremdlich wirkenden, aber umso medienwirksameren Auftritt mit nacktem Oberkörper inspiriert. |